Reinhard, der Moderator des Abends gehörte zu denjenigen Historikern, die vor mehr als einer Generation zunächst dargestellt haben, wie und auf welche Weise unterschiedliche führende und oft untereinander völlig zerstrittene Kräfte des NS-Regimes die Archäologie und die Vorgeschichte "von oben" zu lenken und zu beeinflussen versucht haben. Davon handelt der kleine Aufsatz, der unten abgedruckt ist.
Vor dreißig und mehr Jahren ist in den entsprechenden Schriften aber nur allgemein und vorsichtig dargestellt worden, was Archäologen selbst "von unten", zum Beispiel von Trier und Bonn aus, zur Stützung des NS-Regimes beigetragen haben. Davon handelt die Ausstellung, die wir uns ansehen werden..
Reinhard schreibt uns:

Blick über den Tellerrand oder:
Hakenkreuze zur Römerzeit ?

Na, wer kann sich diese Frage schon ausgedacht haben! Dreimal darf man raten! Aber vielleicht hat man in Trier Plakate gesehen mit römischen Weinflaschen, die ein Hakenkreuz tragen. Sie werben für die Sonder-Ausstellung "Propaganda. Macht. Geschichte - Archäologen an Rhein und Mosel im Dienste des Nationalsozialismus." Und nach diesen Plakaten zu urteilen, mag es gar nicht so abwegig sein, sich die oben formulierte Frage zu stellen. Freilich hat die Schau schon heftige Kritik hervorgerufen.
Die HuK macht sich ein eigenes Bild und verlegt ihren Mittwoch-Abend in die dann extra für sie geöffnete Sonder-Ausstellung im RHEINISCHE LANDESMUSEUM, dem großen Gebäude, das sich in der Weimarer Allee (früher Ostallee) zwischen Mustorstraße und Kaiserthermen befindet. Treffpunkt 19 Uhr am sogenannten Verwaltungs-Eingang in dem etwas nach hinten versetzten Seitenflügel, vom (gesperrten) Hauptportal aus gesehen links. Vor letzteren kann man im allgemeinen auch parken. Wir warten bis 19:15 Uhr. Danach muss der Eingang geschlossen werden. Reinhard führt durch die Ausstellung. Hinterher gehen wir noch etwas trinken oder essen, wahrscheinlich beim Vietnamesen in der Gartenfeldstraße. Das übliche gemeinsame Mal "vorher" entfällt also ausnahmsweise.

Näheres zum Thema findet sich in folgendem Aufsatz von Reinhard.

Ein 'nordischer' Mann vor der Wasserburg Buchau zierte den Umschlag der 8. Auflage von Reineths Buch 'Das Federseemoor als Siedlungsland des Vorzeitmenschen.'

Prähistorische Archäologie und Nationalsozialismus

Die Auswirkungen des Nationalsozialismus auf die Prähistorische Archäologie wurden 1998 und 1999 aufzwei Tagungen unter Leitung von Achim Leube (Berlin) und Heiko Steuer (Freiburg/Br.) diskutiert. Veröffentlichungen zum Teilthema der Wissenschaftspolitik gegenüber dem Fach, auf ehemals geheimen Unterlagen beruhend, hatten zuvor schon die Zeitgeschichtler Michael Kater (1974) und Reinhard Bollmus (1970) vorgelegt.

Das nach seinem Leiter, dem NSDAP-Ideologen Alfred Rosenberg, im Sprachgebrauch so genannte "Amt Rosenberg" hatte auch eine Abteilung für Vorgeschichte, die sich als "einzige parteiamtliche Stelle" für das Sachgebiet bezeichnete. Ihr Leiter, Dr. Hans Reinerth, war durch große Ausgrabungen am Federsee bekannt geworden. Der äußerst begabte, früh promovierte und habilitierte, zunächst auch wissenschaftlich verdiente Prähistoriker war letztlich an persönlichen Eigenschaften als Tübinger Privatdozent gescheitert. Daraufhin hat er sich dem Rosenbergschen "Kampfbund für deutsche Kultur" zugewandt und dort eine "Fachgruppe für deutsche Vorgeschichte" gegründet. Ende 1934 wurde er dank Rosenbergs Protektion der Berliner Humboldt-Universität als Professor aufoktroyiert.

Gebende in Alteuropa?
Reinerth vertrat eine nahezu vollständig von germanophilen Interpretationen durchsetzte Lehre. Zentrale Aussagen betrafen die "Kulturhöhe" der Germanen. "Nordische Kultur und nordische Menschen" - nicht etwa zuerst die Kulturen des Mittelmeerraumes und Vorderasiens - sollten "durch Jahrtausende die Gebenden in Alteuropa" gewesen sein.
Reinerth und seinem von Rosenberg als "parteiamtlich" dargestellten "Reichsbund für deutsche Vorgeschichte" schlossen sich außer Laien zunächst auch Fachprähistoriker vornehmlich aus Ost- und Mitteldeutschland an. Bis 1936 wandten sich aber viele schon wieder ab, als erkennbar wurde, dass Reinerth das Mittel öffentlicher Verdächtigung besonders gegen das Archäologische Institut des Deutschen Reiches, dessen Römisch-Germanische Kommission und zahlreiche Prähistoriker anwandte. Selbst bei rechtskonservativ oder nationalistisch denkenden Forschern stieß dies auf Widerstand, sodass die Versuche, Kontrolle über Vorstandschaft, Mitgliederlisten und Vermögen der vier großen Verbände für Altertumswissenschaften zu erlangen - Stichwort "Gleichschaltung" -, beim Nord- sowie beim Süd- und Westdeutschen Verband scheiterten. Wissenschaftlicher Schaden entstand dennoch auch in deren Gebieten, denn sie wagten fortan nicht mehr öffentlich aufzutreten.

Reichsbund contra "Ahnenerbe"
Eine weitere Gefahr für die seriöse Forschung konnte verhindert werden: Das "Amt Rosenberg" erhob während der gesamten NS-Zeit die Forderung nach einem "Reichsinstitut für deutsche(!) Vorgeschichte" unter Reinerths Leitung. Es scheiterte aber nicht zuletzt an dessen Person sowie an den maßlosen Bedingungen, die es stellte, etwa einem Weisungsrecht für Forschung und Lehre und der Trennung zwischen "römischen" und "germanischen" Grabungen. Innerparteilich und machtpolitisch gesehen, hatten diese Vorgänge vornehmlich zwei Gründe: Erstens besaß das "Amt Rosenberg" kein Weisungsrecht gegenüber Exekutivorganen; es konnte zwar mit der Macht der Diktatur drohen, aber nichts erzwingen. Nach außen trat Rosenberg oft vor mächtig wirkender Parteikulisse auf und erregte Furcht, innerparteilich war er jedoch schwach. Zweitens betrieb der "Reichsführer SS", Heinrich Himmler, in seinem Stab und ab 1938 im Verein "Ahnenerbe" ebenfalls "Vorgeschichte" und pflegte gute Beziehungen zum Reichserziehungsministerium. Dank dieser Machtkonstellation vermochten seriöse Prähistoriker in ihren Publikationen relativ neutral zu argumentieren. In der Öffentlichkeit herrschte jedoch jene Germanen-Ideologie vor, an der das "Ahnenerbe" seinen publizistischen Anteil hatte. Beweise dafür, dass Prähistoriker von den grausamen "Menschenversuchen" in Konzentrationslagern (1942 bis 1945) Kenntnis gehabt hätten, fehlen allerdings vollständig.

Raubzge wider das Völkerrecht
Den größten Schaden richteten Politik und Propaganda in Sachen "Vorgeschichte" allerdings nicht in Deutschland an, sondern in vielen Ländern Europas. Dort verfügten der "Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg" mit dem "Sonderstab Vorgeschichte" unter Hans Reinerth, das "Sonderkommando" des Prähistorikers Herbert Jankuhn, Gruppen des "Ahnenerbes" und mehrere andere derartige Organisationen auch über prähistorisches Gut. Es wurde in groem Umfang nach Deutschland abtransportiert, nicht etwas unter Schutz gestellt, was völkerrechtlich geboten gewesen wäre. Diese Verbrechen trugen bei zum Todesurteil für Rosenberg im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess.

Entnazifizierung außer Kraft gesetzt
Reinerth hatte Haft und drei Jahre an erheblichen Entnazifizierungs-Auflagen zu ertragen; politische Einflussnahmen, erst jüngst (vom Verfasser) näher erforscht, führten aber 1953 zu deren erstaunlicher Aufhebung. Im Pfahlbaumuseum Unteruhldingen, das er seit 1921 maßgeblich mitgestaltet und 1937 bis 1945 allein dirigiert hat, arbeitete er, mit Vertrag ab 1951, noch bis 1986 weiter. Er starb 1990. Im Museum wurden germanophile Präsentationen allmählich zurückgedrängt. Es befindet sich seit langem unter anerkannt wissenschaftlicher Leitung.

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